

"Wir sind die mit den vielen Göttinnen und Göttern!"

Wer unser Event schon kennt, ist mit der Mischung vertraut. es kommen nicht nur verschiedene Pfade zu Wort – es gibt auch jede Menge Praktisches und Workshops zum Mitmachen.
Um 19 Uhr wird getanzt:
Workshop von Inara (OBOD, ADF): Mit den Elementen tanzen
Die 4 Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft spielen nicht nur in der druidischen Lehre und Tradition eine zentrale Rolle. Sie sind verbunden mit Tugenden, Charakterzügen und Eigenschaften.
In diesem Workshop entdecken wir durch Bewegung die 4 Elemente, ihre Energien und ihre Verbindung zu einander und zum Awen.
Indem wir uns mit ihnen bewegen, können wir die Stärke
von Erde, die Leichtigkeit von Luft, das fließende Wasser und das wilde Feuer auf ganz neue Art und Weise und erfahren. Durch Bewegung und Tanz können wir die Kräfte und Energien der
Elemente in uns wecken und für uns nutzen.
Es sind keine Tanzerfahrungen oder andere Vorkenntnisse erforderlich. Der Workshop ist für Kinder und Erwachsene aller Pfade gleichermaßen geeignet.
Übrigens kommt Bewegung auch in den Ritualen nicht zu kurz – wenn ihr das wollt.
Wie in jedem Jahr erwarten euch Rituale, Workshops, Vorträge und Infostände aus den unterschiedlichsten Pfaden: Animismus, Druidentum, Schamanismus, Wicca und viele mehr.
Die Türen öffnen sich um 13.30 Uhr.
14 Uhr beginnt das Eröffnungsritual zum Thema: „Tugenden verbinden uns im Wyrd“ (Gemeinschaftsritual)
21 Uhr Abschluss mit einem gemeinsamen druidischen Ritual
Änderungen vorbehalten !
14:00 Uhr Eröffnungsritual (Verbunden im Wyrd, Pantheon e.V.)
15:30 bis 17:00
17:15 bis 18:45
19:00 bis 20:30
20:30 Pause, Ritualaufbau, Eintrommeln, Druidische Meditation
21:00 Abschlussritual ADF & OBOD
Infostände
Ort:
Inpäd e.V. Weiterbildung und Beratung für Frauen
Manfred-von-Richthofen-Straße 2, 12101 Berlin, Deutschland

Polytheistische Theologie: Tempel des Pantheon und der „unbekannten Götter“
Die antike Religion war von Vielfalt geprägt. Tempel wie das römische Pantheon waren keine Häuser eines einzigen Gottes, sondern Monumente der Fülle. In ihnen spiegelte sich eine Theologie wider, die auf Pluralität, Offenheit und Inklusion beruhte. Jede Gottheit hatte ihre Sphäre: Jupiter als Herr des Himmels, Venus als Göttin der Liebe, Mars als Gott des Krieges – und daneben unzählige lokale und importierte Mächte. Religion bedeutete im polytheistischen Kontext nicht Ausschluss, sondern Anerkennung der Vielfalt des Göttlichen.
Das Pantheon in Rom, eines der bekanntesten Bauwerke der Antike, stand nicht für den Sieg eines Gottes, sondern für das Nebeneinander vieler. Es war eine architektonische Manifestation der Überzeugung, dass Welt und Gesellschaft von verschiedenen Kräften getragen werden. Polytheismus war hier nicht Beliebigkeit, sondern Respekt gegenüber kosmischer Ordnung und fremden Kulten, die in das Reich integriert wurden.
Besonders interessant ist ein anderes Symbol dieser Offenheit: der Altar „für den unbekannten Gott“. In Athen belegen Pausanias und Philostratos, dass solche Altäre existierten. Sie dienten nicht der Anbetung eines verborgenen, „eigentlich“ monotheistischen Gottes, sondern hatten zwei Funktionen:
Diese Altäre waren Ausdruck religiöser Höflichkeit und Weitsicht.
In der Apostelgeschichte (17,22–23) begegnet Paulus einem solchen Altar und deutet ihn um: „Was ihr verehrt, ohne es zu kennen, das verkündige ich euch.“ Damit verwandelt er das Zeichen von Respekt und Pluralität in ein Symbol des Mangels: Die Athener hätten zwar religiösen Eifer, aber keine wahre Erkenntnis. So macht Paulus aus der polytheistischen Offenheit einen Beweis für Unwissenheit – eine rhetorische Strategie, die später theologisch folgenreich wurde.
Mit dem Siegeszug des Christentums wurde dieses Deutungsmuster verstärkt: Polytheismus galt nun als Aberglaube, Offenheit als Beliebigkeit, Vielfalt als Schwäche. Aus der antiken Fähigkeit, fremde Götter aufzunehmen und respektvoll einzubinden, wurde ein angebliches Zeichen von Unvermögen.
Jan Assmann beschreibt diesen Bruch als „mosaische Unterscheidung“: die klare Trennung von wahrer Religion und falschem Götzendienst. Damit ging ein ganzes Verständnis von Religion verloren, das nicht auf Ausschluss, sondern auf Anerkennung unterschiedlicher göttlicher Kräfte beruhte.
Detaillierte Analyse des Pantheon als Bauwerk und Symbol für römische Religiosität.
Grundwerk zur römischen Religion, betont die Pluralität und Integrationsfähigkeit des Polytheismus.
Überblickswerk, das den Begriff „Pantheon“ als Symbol für polytheistische Vielfalt deutet.
Zeitgenössische Quelle zu den Altären „für unbekannte Götter“ in Athen.
Erwähnt die Verehrung unbekannter Götter im griechischen Kontext.
Klassische Untersuchung über Funktion und Bedeutung der Altäre für unbekannte Götter.
Analyse der religiösen Praktiken Athens, inkl. Altäre für unbekannte Gottheiten als Ausdruck ritueller Vorsicht.
Biblische Grundlage für Paulus’ Rede auf dem Areopag.
Untersucht, wie Paulus philosophisch-religiöse Konzepte transformiert und rhetorisch nutzt.
Deutung der paulinischen Areopagrede und ihrer Strategie.
Führt den Begriff der „mosaischen Unterscheidung“ ein, der Exklusivität und Abwertung des Polytheismus beschreibt.
Zeigt, wie Opferpraxis und Polytheismus im Zuge der Christianisierung als Aberglaube diffamiert wurden.
Der Vorwurf des „Götzendienstes“ gehört zu den ältesten und härtesten Abwertungen, mit denen monotheistische Religionen andere Glaubensformen belegt haben. Wer „Götzen“ verehre, so hieß es seit der Antike, bete lebloses Holz und kalten Stein an, statt den „wahren Gott“. Doch diese Vorstellung war nie eine faire Beschreibung polytheistischer Religiosität. Sie diente vielmehr der Abgrenzung und Diskreditierung. Ein Blick auf verschiedene Traditionen zeigt, dass Abbildungen und Statuen im Polytheismus nicht als bloße Gegenstände verstanden werden, sondern als Medien, durch die das Göttliche erfahrbar und präsent wird.
In der altägyptischen Religion waren die Statuen in den Tempeln keine Dekoration. Sie galten als Wohnsitze der Götter. Durch tägliche Rituale – Waschungen, Salbungen, Bekleidung, Opfergaben – wurde die göttliche Präsenz geehrt und am Leben gehalten. Die Gottheit war nicht im Material aus Holz oder Stein „eingeschlossen“, sondern ließ sich im Kult darin gegenwärtig machen. Die Statue war somit ein Tor, durch das Menschen in Beziehung zu den Mächten des Kosmos traten (vgl. Assmann 1984).
Im Hinduismus spielen Götterbilder, sogenannte mūrti, bis heute eine zentrale Rolle. Sie werden nicht als „bloße Figuren“ verstanden, sondern als Manifestationen des Göttlichen. In speziellen Ritualen wie prāṇa-pratiṣṭhā wird die göttliche Lebensenergie eingeladen, im Bild gegenwärtig zu sein. Für Gläubige bedeutet die Begegnung mit einer Mūrti (darśan) nicht das Anstarren einer Figur, sondern das gegenseitige „Sehen“ von Gott und Mensch. So wird das Unsichtbare sichtbar, und das Göttliche tritt in Beziehung zur Gemeinschaft (vgl. Eck 1998).
Auch im Buddhismus sind Abbildungen nicht „Anbetung von Stein“. Sie verkörpern die Gegenwart des Erwachten. Eine Buddha-Statue dient als Fokuspunkt für Meditation, Andacht und Segenshandlungen. Gläubige entzünden Räucherwerk, legen Blumen nieder und verneigen sich – nicht vor dem Material, sondern vor der erleuchteten Wirklichkeit, die in dieser Gestalt greifbar wird. In der Praxis des darśan wird die Statue zum Medium der wechselseitigen Begegnung mit Buddha (vgl. Lopez 2004).
Aus Quellen wie Adam von Bremen oder archäologischen Funden wissen wir, dass Statuen von Odin, Thor oder Freyr in Heiligtümern wie Uppsala aufgestellt waren. Sie wurden mit Opfergaben wie Speisen, Trank oder Waffen geehrt. Die Menschen glaubten, dass die Götter durch die Rituale in den Figuren anwesend wurden. Die Statue selbst war Symbol und Fokus, nicht das Göttliche selbst (vgl. Price 2019).
Die Kelten errichteten Holzidole, Masken und figürliche Darstellungen in heiligen Hainen oder an Quellenheiligtümern. Hier brachten sie Waffen, Schmuck oder Tieropfer dar. Auch diese Figuren waren Repräsentationen – Orte, an denen die Gottheit ansprechbar wurde, nicht Objekte selbständiger Verehrung (vgl. Green 1989).
Besonders eindrücklich sind die slawischen Holzidole, etwa das viergesichtige Swantewit-Bild in Arkona. Es symbolisierte Allwissenheit und göttliche Präsenz in alle Himmelsrichtungen. Vor diesen Statuen fanden Feste, Opfer und Orakelhandlungen statt. Die Figur war Medium einer kosmischen Macht, nicht bloß Holz (vgl. Curta 2021).
So verschieden die Traditionen sind, sie teilen eine Grundidee: Abbildungen und Statuen sind nicht die Gottheiten selbst, sondern Vermittler ihrer Präsenz. Sie sind Symbole, „Wohnsitze“, Manifestationen – Brücken zwischen sichtbarer Welt und unsichtbarem Göttlichen. Die Vorstellung, Gläubige würden „Steine anbeten“, ist eine grobe Verkürzung, die den religiösen Sinn verfehlt.
Der Begriff „Götzendienst“ ist ein Relikt vergangener Machtkämpfe zwischen Religionen. Er beschreibt nicht, was Menschen in polytheistischen Traditionen wirklich tun, sondern entwertet und verzerrt ihre religiöse Praxis. Wer heute ernsthaft am interreligiösen Dialog teilnimmt, sollte diesen Kampfbegriff hinter sich lassen.
Denn Worte prägen unser Miteinander: Wer von „Götzendienst“ spricht, baut Mauern. Wer dagegen von „Manifestationen“, „Symbolen“ oder „Wohnsitzen des Göttlichen“ spricht, öffnet Türen. Respekt beginnt mit der Sprache – und führt zu echtem Verstehen.
Wenn wir den Frieden zwischen Religionen stärken wollen, dann verzichten wir auf alte Vorwürfe und lernen stattdessen, die Bilder der anderen als Brücken zum Göttlichen zu sehen.
Viele Bilder folgen noch, wir warten noch auf die Freigabe durch abgebildete Personen und Photograf:innen.
Am 13. September 2025 fand von 14:00 bis 22:00 Uhr unser Event im Rahmen der Langen Nacht der Religionen Berlin statt.
Bereits um 13:30 Uhr öffneten wir die Türen und begannen mit einem Blót (Ritual). Rund 40 Gäste riefen gemeinsam den Thing-Frieden für die Veranstaltung aus und luden die Elemente sowie die Göttinnen und Götter ein, uns an diesem Tag zu begleiten, zu schützen und zu inspirieren.
In diesem Geist des Friedens und des gegenseitigen Verständnisses brachten alle ihre guten Wünsche ein und nahmen ein kleines Päckchen Samen mit nach Hause. Diese Samen sollen als Opfergabe dienen und im Frühjahr neue Hoffnung schenken.
Unter dem gemeinsamen Thema „Hoffnung“ standen auch die elf Workshops und Vorträge, die nach der Eröffnung in vier verschiedenen Räumen stattfanden. Jeder Raum war gut besucht, und zwischendurch bot sich die Gelegenheit, an den Infoständen mit Referent:innen und Gruppen ins Gespräch zu kommen.
Ein besonderes Highlight war unser World-Café: Bei Kaffee, Tee, Wasser, Saft, Keksen und Obst konnten sich die Besucher:innen ungezwungen über das Thema austauschen.
Die inhaltliche Bandbreite reichte von Animismus über Tiefenökologie, vom Räuchern und der Gestaltung von Ritualen bis hin zu praktischen Tanz- und Gesangseinheiten mit Medizinliedern. Unsere Referent:innen kamen nicht nur aus Berlin und Brandenburg, sondern aus dem gesamten Bundesgebiet – sogar Gäste aus den USA waren eigens angereist. Ein besonderer Dank gilt Archdruid em. Rev. Jean Pagano.
Erstmals wurden wir außerdem von An-Nusrat e.V. und dem Projekt Muslime e.V. helfen unterstützt. Auch zum Projekt Dialog+, an dem unser Verein Pantheon e.V. beteiligt ist, gab es vor Ort Informationen. Wir haben uns sehr über die Präsenz unserer muslimischen Freund:innen gefreut und nehmen gern am Tag der offenen Moschee einen Gegenbesuch wahr. Die tatkräftige Hilfe – ob mit Obst oder einem Mietzuschuss – hat unser gemeinsames Anliegen spürbar gestärkt. Dafür sagen wir herzlich Danke!
Aus den Gesprächen mit Gästen vor Ort sind zudem einige neue Ideen entstanden.
Gegen 21:00 Uhr endete der Tag mit einer gemeinsamen druidischen Zeremonie: Wir dankten für die Erfahrungen, tanzten und trommelten zusammen.
Unser Ziel – die große Kraft der Hoffnung sichtbar und für alle zugänglich zu machen, und das auf vielfältige Weise – wurde aus unserer Sicht erreicht. Im Laufe des Tages nahmen etwa 60–70 Menschen teil, viele blieben bis zum Schluss.
Wir freuen uns auf die Umsetzung der „Hoffnungsprojekte“ in den kommenden Monaten – und natürlich schon jetzt auf die Lange Nacht der Religionen 2026!
Wir freuen uns sehr, auf unserer Veranstaltung am 13.09.2025 mit einem Infotisch unser erstes weiteres Projekt zur interreligiösen Zusammenarbeit und Bildung vorzustellen:
Zusammen mit An-Nusrat e.V. und ISKON ist Pantheon e.V. beteiligt an der Erschaffung einer digitalen Lernplattform für Religionsgemeinschaften. Das Angebot richtet sich vorallem an kleinere Gruppen für die Beratung zu bestimmten Themen sonst zu teuer ist. In Lehrvideos geht es um Fundraising, Arbeit mit Ehrenamtlichen, Rechtsfragen rund um Vereinsgründungen, Öffentlichkeitsarbeit und vieles mehr.
Wir freuen uns, dass es mit tatkräftiger Unterstützung von An Nusrat. dem islamischen Wohlfahrtsverband, einen Infotisch zum Projekt geben wird. Und wir freuen uns, dass damit auch direkt die interreligiöse Arbeit bei unserer Veranstaltung sichtbarer wird.
Es ist der Anfang von mehr, viel mehr – das können wir euch versprechen.
Die Figur der Frau Holle ist vielen aus dem Märchen der Brüder Grimm bekannt: eine alte Frau, die Fleiß belohnt und Faulheit bestraft. Doch hinter dieser scheinbar einfachen Märchengestalt verbirgt sich eine uralte mythische Tradition, die tief in vorchristliche Glaubenswelten hineinreicht. Frau Holle ist weit mehr als eine Hausmutter in der Märchenwelt – sie ist eine Muttergöttin, Unterweltgöttin und Wandlerin.
Frau Holle, auch Hulda, Holda oder Holla genannt, war ursprünglich eine Matronengöttin. Verehrt wurde sie vor allem in Mittel- und Süddeutschland. Sie war zuständig für das Spinnen, Weben und die häuslichen Arbeiten, zugleich aber auch für Fruchtbarkeit, Kindersegen und die Zyklen der Natur. In ihr verbinden sich Aspekte einer Erdgöttin und einer Himmelsgöttin: sie schenkt Leben, hütet es und nimmt es schließlich wieder zu sich.
Die Mythen verorten Frau Holle an besonderen Orten: Teiche, Quellen, Brunnen und Höhlen gelten als ihre Wohnstätten und als Portale in die Anderswelt. Der bekannteste davon ist der Frau-Holle-Teich auf dem Hohen Meißner in Hessen. Dieser gilt bis heute als Eingang zu ihrem Reich unter der Erde – ein Ort der Transformation und der Seelenwanderung. Auch in Gotha gibt es eine Sage, dass Frau Holle ungeborene Kinder in einer Quelle behüte. Die Brunnen und Wasserstellen symbolisieren hier Übergänge, Schwellen und Verbindungen zwischen der Welt der Lebenden und der Anderswelt.
In manchen Deutungen wird Frau Holle mit der nordischen Totengöttin Hel gleichgesetzt. Dabei zeigt sich ein entscheidender Unterschied zur christlichen Vorstellung der „Hölle“: Das Helheim ist kein Ort der ewigen Verdammnis, sondern ein Reich der Wandlung, in dem die Seele nach dem Tod verweilt und sich verwandelt. Damit teilt Frau Holle mit Hel die Rolle als Hüterin des Übergangs, als Begleiterin von Werden und Vergehen. Sie verkörpert den zyklischen Charakter der Natur – Geburt, Tod und Wiederkehr.
Frau Holle ist eine Gestalt der Dualität: Sie erscheint gütig, mütterlich und fürsorglich, wenn sie Fleiß belohnt und Segen spendet. Zugleich kann sie streng und strafend sein, wenn Ordnung und Respekt verletzt werden. Diese Doppelgesichtigkeit macht sie zu einer Wandlerin, die alle Aspekte des Lebens umfasst: das Schöne und das Bedrohliche, das Gebende und das Nehmende. In ihr spiegelt sich das Leben selbst, das stets in Bewegung und Veränderung ist.
Der Begriff „Naturreligion“ ist ein historisch belasteter und wissenschaftlich problematischer Terminus. Seine Entstehung und Verwendung hängen eng mit den Entwicklungen der europäischen Religionswissenschaft und Theologie des 18. und 19. Jahrhunderts zusammen.
„Naturreligion“ wurde in der Aufklärung und im Kolonialzeitalter als Gegenbegriff zur „Offenbarungsreligion“ geprägt. Theologen und Philosophen – etwa Immanuel Kant oder Friedrich Schleiermacher – stellten Religionen, die nicht auf einer schriftlich fixierten göttlichen Offenbarung beruhen, in Gegensatz zum Christentum. „Naturreligion“ sollte beschreiben, dass diese Religionen aus der „Natur“ des Menschen hervorgehen, ohne göttliche Eingebung oder schriftliche Tradition. Damit war der Begriff von Anfang an abwertend konnotiert: Er kennzeichnete Religionen als früh, unvollkommen, primitiv – lediglich eine Vorstufe zur „eigentlichen Religion“.
Im Zuge der Kolonialexpansion Europas griffen Missionare und Kolonialbeamte diesen Begriff auf, um Religionen in Afrika, Amerika, Asien oder Ozeanien zu klassifizieren. Er diente dazu, kolonialisierte Kulturen als geistig rückständig darzustellen und das eigene Missions- und Herrschaftsprojekt zu legitimieren.
Das Konzept „Naturreligion“ ist zutiefst eurozentrisch:
Darüber hinaus beförderte der Begriff stereotype Vorurteile, die bis heute wirksam sind: Die Vorstellung, „Naturvölker“ würden „Steine anbeten“ oder „Bäume verehren“. Diese simplifizierenden Klischees finden sich besonders in älteren theologischen Schriften und haben das Bild indigener Religionen bis ins 20. Jahrhundert geprägt.
Wenn heute noch von „Naturreligion“ gesprochen wird, wird unbewusst diese koloniale Abwertung reproduziert. Der Begriff suggeriert:
Damit transportiert der Ausdruck auch heute noch eine christlich-theologische Vorrangstellung und fördert Vorurteile anstatt differenzierter Wahrnehmung.
Moderne heidnische Bewegungen wie Ásatrú, Druidentum oder Wicca verstehen sich nicht als „Naturreligionen“ im Sinne dieser alten Klassifikationen. Zwar spielt die Natur in Ritualen und Symbolik eine zentrale Rolle, doch diese Bewegungen sind:
Den Begriff „Naturreligion“ zu verwenden, hieße also, moderne heidnische Religionen in dieselbe Schublade zu stecken wie die abwertenden Klassifikationen kolonialer Theologen. Dies widerspricht dem Selbstverständnis und fördert Missverständnisse im interreligiösen Dialog.
Der Begriff „Naturreligion“ ist ein koloniales Erbe und sollte in der religionswissenschaftlichen wie interreligiösen Redeweise nicht mehr unkritisch benutzt werden. Stattdessen ist es sinnvoller, differenzierte Bezeichnungen wie „indigene Religionen“, „polytheistische Religionen“, „erdverbundene Spiritualität“ oder schlicht die Eigenbezeichnungen der jeweiligen Tradition zu verwenden. Für modernes Heidentum wie Asatru und Druidentum ist der Begriff nicht nur unzutreffend, sondern trägt unweigerlich Vorurteile fort, die es zu überwinden gilt.
– Kritische Auseinandersetzung mit Begriffsbildungen und deren eurozentrischen Wurzeln.
– Erklärt, wie die Begriffe „Natur-“ und „Offenbarungsreligion“ im europäischen Kontext entstanden.
– Überblick über zentrale Begriffe der Religionswissenschaft, inkl. Kritik am „Naturreligions“-Konzept.
– Zeigt die kolonialen und eurozentrischen Hintergründe der Kategorisierung von Religionen.
– Historische Analyse, wie religiöse Kategorien (inkl. „Naturreligion“) zur Abgrenzung Europas von „anderen“ dienten.
– Grundlagentext zur Kritik an religionswissenschaftlichen Kategorien, die oft eurozentrisch konstruiert sind.
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