Heiden und Christen – ein streitbarer Dialog beginnt?

Als Reaktion auf die Meldungen um den „rechten Duiden“ erschien in der katholischen „Tagespost“ ein Beitrag von Josef Bordat, der einigen Unmut und auch Widerspruch in heidnischen Kreisen hervorrief.

Hier ist der Artikel noch einmal zum Nachlesen im eigenen Blog des Autors: Rechte Heiden.

Unter anderem gab es eine sehr lesenswerte Entgegnung der Nornirs Aett: Mit „alternativen Fakten“ gegen böse Heiden

Mathias Wenger, der auf unserer Veranstaltung zur Langen Nacht der Religionen über „Heidentum und Christentum“ referieren wird, wandte sich mit folgender Stellungnahme an Josef Bordat, die sogar in seinem Blog abgedruckt wurde. Wir hoffen das ist der Beginn eines niveauvollen Dialoges.

Wir veröffentlichen mit freundlicher Genehmigung des Autors, den Beitrag nun auch hier.

Weil sich auch in der Natur die Gottheit widerspiegelt – Antwort eines dezidierten Neuheiden an Josef Bordat

                                                                                                     von Matthias Wenger

 

Josef Bordat hat in der Tagespost vom 03.02.2017 eine Renaissance des Heidentums im Europa der Gegenwart beklagt. In radikaler Weise werden Züge des Heidentums ins Verhältnis gesetzt gegenüber christlichen Werten.

Man merkt Bordat ein hohes Mass an Empörung an – christliche Werte insbesondere katholischer Provenienz liegen ihm am Herzen. Das sei ihm gegönnt.

Aber auch mir als dezidiertem, wenngleich selbstkritischem Neuheiden ist seine Religiosität Herzenssache. Deshalb kann dieser „Generalangriff“ nicht gänzlich unwidersprochen bleiben.

Ich finde nämlich, dass unterschiedliche religiöse Positionen nicht im Kontext von Abwertung und Überbewertung verhandelt werden sollten, sondern im Rahmen ihrer Differenzen und Affinitäten.

Was mir als erstes auffällt in Bordats Essay, ist die Gleichsetzung von Heidentum und mitteleuropäisch-germanischer Stammeskultur.

Versuchen wir einmal, den Begriff Heidentum in seiner altgeschichtlichen  Dimension ernsthaft zu umreissen, obwohl es sich um einen missions- und kirchengeschichtlichen Kampfbegriff handelt, den man religionsgeschichtlich nur schwer fassen kann.

Heidnische Religiosität im zeitlichen Rahmen des ersten vor- und des ersten nachchristlichen Jahrtausends unserer Zeitrechnung umschreibt doch einen viel weitergehenden Rahmen, als es durch das Studium der Kulte mitteleuropäischer Stämme angedeutet werden kann.

Die Kultur Palästinas vor der Einwanderung der Israeliten (und die damalige Kultur der Israeliten selbst!) gehört ebenso dazu, wie die Göttinnen und Götter Roms und der griechischen Stadtstaaten. Die Kulte der vorislamischen arabischen Nabatäer waren in diesem polytheistisch-naturreligiösen Sinne ebenso „heidnisch“, wie die Gottheiten der in Kleinasien ansässigen Hethiter oder diejenigen der Hindus, bei letzteren sogar historisch kontinuierlich bis zur Gegenwart!

Heidentum folglich auf die prämedievalen Kulte metsaufender mitteleuropäischer Dörfler zu reduzieren, zeugt nicht gerade von einem breiten religionsgeschichtlichen Horizont.

Auch Platon, Aristoteles, Cicero und Seneca waren weder Juden, Christen noch Muslime. Wir verdanken Ihnen hochkomplexe Überlegungen zum Wesen Gottes und der Götter, die aber grundsätzlich geprägt sind von einer heidnisch-polytheistischen Geisteswelt. Aber: Keiner von Ihnen hat jemals ernsthaft die Natur mit der Gottheit gleichgesetzt.

Die genannten Beispiele zeigen, wie vielfältig Heidentum historisch, kulturell und geographisch einzuschätzen ist und wie vielschichtig es in seinen Denkansätzen war.

Und das gilt auch für die Gegenwart, in der „neue“ Heiden sich bemühen, historische Ansätze wiederaufzunehmen:  Da gibt es natürlich auch Anhänger altgermanischer Stammeskulte. Aber es gibt ebenso Menschen, die sich dem altägyptischen Isis-Kult verbunden fühlen, die Götter der erst im 14. Jahrhundert bekehrten Litauer verehren oder deren Hauptinteresse den alten griechischen Göttinnen Demeter und Persephone gilt.

Hier gibt es politisch eher links stehende „Hexen“, die sich der Reclaiming-Bewegung der  US-Amerikanerin Starhawk zugehörig fühlen, wie auch feministische Frauen, die ein Interesse am Marienkult mit der Religion der grossen Göttin (wie z.B. Demeter oder Diana) verbinden.

Es ist kein reales Abbild der Wirklichkeit mehr, wenn ich einen egomanischen rechtsterroristischen Reichsbürger aus der schwäbischen Provinz, der sich aus unbekannten Gründen als Druide tituliert, mit der Vielfalt dieser neuheidnischen Bewegung in eins setze.

Und es ist schon gar nicht historisch seriös, von diesem personalen Einzelfall einen Rückschluss vorzunehmen auf das Heidentum in seinen altgeschichtlichen Dimensionen!

Ich muß mich doch als das Christentum von außen Betrachtender genauso hüten vor generalisierenden Urteilen: Niemals würde es mir z.B. einfallen, einen mordgierigen deklassierten französischen Adligen des 11. Jahrhunderts, der als Kreuzfahrer seine Blutspur hinterlassen hat, mit einem altchristlichen Asketen des 2. Jahrhunderts zu vergleichen – auch wenn beide sich als Christen fühlten.

Weder Heidentum noch Christentum können für sich ein Copyright reklamieren. Mangels nachdrücklicher interner Übereinkünfte sind Mißbräuchen nach allen Richtungen Tür und Tor geöffnet.

Aber es gibt noch eine weitere Ungereimtheit in diesem Generalangriff gegen einen imaginären Kontrahenten Heidentum, die mit Bordats Selbstverständnis zusammenhängt. Ich meine die grenzenlose Idealisierung des Christentums, zumal in seiner katholischen Ausprägung.

Die christliche Mission  brachte den Mitteleuropäern vorgeblich Friede, mitmenschliche Fürsorge, Kultur und Bildung.

Ich glaube nicht, dass man den Stolz darauf übertreiben sollte. Zweifelsohne hat das Christentum Werte, die der Entwicklung  einzelmenschlicher Sanftmut und Friedensliebe förderlich sind. Die Verhaltensforschung hat im übrigen gezeigt, dass die christliche Ethik dabei auf ein grosses Repertoire angeborener Fähigkeiten zurückgreifen kann (Es ist hier die Rede von Conditio Humana, nicht von Biologismen!).

Aber die Geschichte der Mission Mitteleuropas, der Kreuzzüge, der Kolonialpolitik seit dem 15. Jahrhundert, des Sklavenhandels sowie der grossen katholischen Monarchen der Neuzeit zeigen doch Eines: Im politischen, sozialgeschichtlichen Rahmen versagen christliche Institutionen, diese Werte auch zu realisieren. In seiner Kollektivität bleibt auch der christliche Mensch des Menschen Wolf. Damit allerdings plädiere ich keineswegs dafür, diese Situation dem ethologischen Naturalismus kampflos zu überlassen!

Was jetzt die kulturschöpferische Rolle, betrifft, die Bordat dem Christentum zuschreibt, so verstehe ich hier eines nicht: Ist ein Kulturbegriff, der Architektur und Bibliotheken im Vordergrund sieht, nicht ein  hoffnungsloses Produkt bildungsbürgerlicher Selbstbespiegelung?

Ich habe Kultur immer als Gesamtheit der Lebensäußerungen und der Lebensweise einer Population verstanden – von der Ernährung über ihre Kleidung, der Sprache bis hin zu ihren sozialen Strukturen.

Ist nicht z.B. Literatur ob nun unterhaltender oder wissensvermittelnder Natur nicht lediglich Verschriftlichung von Erzählung im Sinne verbalisierter Kommunikation und sozialem Austausch?

Ich frage nur – gerade im Hinblick darauf, daß solche Formen wie der digitale Ort dieser Veröffentlichung verdeutlichen, inwiefern wir zu solchen dialogischen urkulturellen Formen zurückzukehren versuchen, weil die „hochkulturellen“ Mechanismen ihre Wirksamkeit immer stärker einzubüßen scheinen!  Zuguterletzt: Hat nicht gerade die römisch-katholische Tradition in verstärktem Maße Wert darauf gelegt, nicht nur eine Religion des Buches zu sein, sondern darüber hinaus auch andere Offenbarungs- und Heilsquellen zu erschließen?

Ganz verwundert hat mich ein Verweis auf Assoziationen aus der „Blut- und Boden“-Kiste. Josef Bordat erwähnt: „sonnendurchflutete Wälder, den stolz in luftigen Höhen kreisenden Adler, das scheue Reh auf der Lichtung…“. Bisher dachte ich immer, daß die Wahrnehmung der Schönheit der Schöpfung ein Weg zur Erkenntnis Gottes sein kann – und damit ein originäres Zeugnis christlicher Spiritualität. Ist es nicht reichlich übertrieben, hierin lediglich ein Einfallstor faschistoider Ideologie zu sehen?

Bis zu diesem Punkt habe ich mich eigentlich nur damit befaßt, Bordats Wertzuschreibungen gegenüber dem großen „Widersacher“ zu relativieren. Damit bewegten wir uns vorwiegend im Bereich der Differenz. Jetzt aber geht es ans „Eingemachte“.

Meine jüngst in einem quasi neuheidnischen Kreis vertretene These (http://www.derhain.de/NatuerlicheSpiritualitaet.pdf) lautet: Zwischen dem Heidnischen und dem Christlichen besteht natürlich eine Differenz, aber ihre Affinität ist mindestens genauso stark.

Betrachten wir das zunächst aus der Perspektive des Ursprungs. Ich wage die Frage zu stellen: Ist die Entstehung des Christentums denkbar ohne die Vorraussetzungen der heidnischen hellenistischen Philosophie und Mythologie?

Sowohl Friedemann Richert (Platon und Christus – Antike Wurzeln des Neuen Testaments, Darmstadt 2014) als auch Christoph Markschies (Gottes Körper – Jüdische, christliche und pagane Gottesvorstellungen in der Antike – München 2016) haben diese historische Genese erst kürzlich wieder bekräftigt. Man muß ja nicht auf einen Exoten wie Rudolf Steiner zurückgreifen, der in „Das Christentum als mystische Tatsache“ von 1902 auf den offenkundigen Zusammenhang zwischen den Erzählungen des Neuen Testaments und den Mythen der Mysterienkulte hinwies: Ein „Heros“, oft menschengestaltiger Sohn eines göttlichen Vaters , begibt sich in die Unterwelt, um dorthin Gebannte zu befreien.

Im apokryphen Nikodemus-Evangelium heißt es sogar noch: „Herr Jesus Christus, Auferstehung und Leben der Welt, gib uns die Gnade, daß wir deine Auferstehung schildern dürfen und die Wunder, die du im Hades gewirkt hast!“ (http://www.gerd-albrecht.de/Die%20Gnostischen%20Schriften/Nikodemus%20Evangelium.htm).

Wie fremdartig das Bild eines menschengestaltigen Gottes dem abrahamitischen Paradigma gegenüber steht, zeigen die Wertungen herkömmlicher Christologie durch jüdische Theologen ganz unvermittelt.

In der Frühzeit des Christentums, in der es im Kontext gnostischer Strömungen einen kräftigen Rapport zwischen hellenistischer Mythologie und heilsgeschichtlichen Vorstellungen gibt (s. Mircea Eliade: Geschichte der religiösen Ideen, Band 2, Freiburg i. Breisgau 1993, S. 319ff.) ist dieser historische Werdegang auch noch gut nachweisbar.

Eine ebenso unabweisbare Evidenz kommt der Entstehung der Führungsämter der römisch-katholischen Kirche zu, die mit ihrem „Pontifex Maximus“ in der Traditionslinie des heidnisch-polytheistischen altrömischen Staatskultes gründet. Archäologische Befunde von allein vier kultischen Hinterlassenschaften des Kybelekultes in unmittelbarem Umfeld von Peterskirche und Petersplatz deuten die Vielfalt heidnischer Wurzeln des römischen Christentums an (s. in Imperium der Götter: Isis – Mithras – Christus: Kulte und Religionen im Römischen Reich – Herausg. Badisches Landesmuseum, 2013, Karte S. 120).

Und selbst in seiner weiteren historischen Entwicklung, nämlich im Rahmen einer Anpassung an die regionalen und lokalen Traditionen, greift das Christentum auf Heidnisches zurück: Die intensive mit magischen Praktiken einhergehende Verehrung der Heiligen ist unverkennbar von polytheistischen Strukturen geprägt – die irdische Funktionalität transzendenter Entitäten befriedigt die naturalistischen Bedürfnisse einer Volksfrömmigkeit, die nur allzu menschlich ist.

Aber was beweist all das?

Ich persönlich bin weit entfernt davon, den Christen vorzuwerfen, sie hätten ihre ursprünglich nahöstliche monotheistische Tradition umgefälscht, indem sie sich in den Annalen des spätantiken Heidentums nach Lust und Laune bedienten. Eine solche Überlegung wäre nicht nur paranoid, sondern vor allem unhistorisch.

Der beschriebene Prozeß zeigt einfach nur, daß es ein anthropologisches Grundsubstrat des Religiösen gibt, über den auch das Christentum nicht hinaus gelangen konnte. Und das ist ein  substanzieller  Grund dafür, in guter lessingscher Manier, statt religionspolitischer Feindseligkeiten den Blick auf etwas anderes zu richten: Nämlich auf jene Religion, „in der alle Menschen übereinstimmen“, wie es ein Text aus der Morgendämmerung des Zeitalters der Aufklärung formuliert.

Bei dem „Kampf zwischen den Kulturen“, wie ihn angloamerikanische Protestanten zur Zeit glauben, mit einer anderen abrahamitischen Religion ausfechten zu müssen, mache ich nicht mit. Derartige Auseinandersetzungen münden nämlich für alle Beteiligten in eine suizidale Konsequenz.

 

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